Self-Trade-Kakaobohnen

Bei meiner „Forschungsreise“ in der neuen Welt erging es mir ähnlich wie Christoph Kolumbus: ich konnte die Kakaoschätze um mich herum zunächst nicht wahrnehmen. Die Entdeckungen und Chancen offenbarten sich mir peu à peu. So war es der kindlichen Intuition meiner Tochter Hannah zu verdanken, dass mein Self-Trade-Projekt entstehen konnte. Genauer gesagt, Hanna führte mich zu Dorothy.


Wir hatten zwei wunderschöne Wochen auf der winzigen Karibikinsel Boccas del Torro (Panama) verbracht und waren auf der Rückreise nach Costa Rica. Mit Koffern beladen, wollten wir die parkähnliche Plaza Central auf geradem Wege durchqueren, um an den Taxibootsteg zu kommen. Aber meine Tochter bestand vehement darauf, einen Umweg zu einem kleinen Spielplatz zu nehmen. Da wir noch etwas Zeit hatten, bevor uns das Boot wieder ans Festland bringen sollte, nahmen wir den längeren Weg in Kauf. Während sich meine Tochter auf einer wackeligen Schaukel amüsierte, entdeckte ich plötzlich eine Frau, die an der Ecke des Parks ein kleines Tischchen aufgebaut hatte und geröstete Kakaobohnen verkaufte. Eine Rarität, die ich auf den vielen Reisen in Mittelamerika noch nie gesehen hatte. Kakaobohnen werden normalerweise sofort auf den Plantagen verarbeitet und in ferne Länder exportiert. Rasch entwickelte sich ein spannendes Gespräch mit der Besitzerin der Kakaoplantage, Dorothy. Sie hatte noch nie etwas von rohen Kakaobohnen gehört, war aber sehr offen für neue Ideen, denn durch den sinkende Kakaopreis waren ihre beiden Kakaoplantagen kaum mehr rentabel. Nach zehn Minuten wurden Emailadressen ausgetauscht und erste Pläne geschmiedet. Dann wartete schon unser Boot zur Ausreise auf uns.


Wieder in Deutschland angekommen, machte ich mich selbständig und gründete die Firma Kakao pur, die rohe Kakaobohnen, selbst gefertigte Schokoladen und Seminare anbietet. Doch aller Anfang ist schwer: Auf der Suche nach qualitätsvollen, Bio-Kakaobohnen, natürlich und roh, stieß ich an meine Grenzen. Selbst auf der Biofach 2011, einer der weltgrößten Bio-Lebensmittel-Messen, konnte ich kaum Anbieter roher Kakaobohnen finden. Daher musste ich selbst zur Tat schreiten und das Self-Trade-Projekt mit Panama war geboren.


Zwischen dem Allgäu und der kleinen Karibikinsel flogen von da an regelmäßig Emails hin und her, in denen ich Überlegungen zum Trocknungsverfahren der Kakaobohnen und Möglichkeiten zum Transport mit Dorothy austauschte. Nach Monaten traf die erste Testlieferung roher Kakaobohnen ein: ein unvergessliches Erlebnis. Ich war sehr überrascht über den ursprünglichen, vollen Geschmack der Bohnen und die leckere Schokolade, die ich daraus herstellen konnte. Doch leider waren diese ersten Bohnen schon nach ein paar Wochen verschimmelt. Viele Nachbesserungen im Trocknungsverfahren, in der Verpackung und im Transport waren nötig, bis die erhoffte Qualität der rohen, frischen Bohnen erreicht war.


Damit waren jedoch nicht alle Schwierigkeiten überwunden. In Deutschland brachte ich so manchen Beamten an seine verwalterischen Grenzen. Am Zoll gibt es keine Kategorie für rohe Kakaobohnen. Und Angestellte des Gesundheitsamtes fragten: „Rohe Kakaobohnen? So etwas hatten wir noch nie.“ Auch in den zuständigen Lebensmittellaboren wusste man erst nicht, welchen Untersuchungen rohe Kakaobohnen unterzogen werden mussten, damit sie bedenkenlos in den Verkauf gehen konnten. Es kostete viel Zeit und Pionierarbeit, bis alle Formalitäten erfüllt waren und die Kakaobohnen endlich verkauft werden konnten.


Ein Jahr später fuhr ich wieder nach Panama, um die beiden Plantagen Finca Esmeralda und Finca Marbeilla von Dorothy zu besichtigen und die Arbeiter kennen zu lernen. Wir machten weitere Experimente zum Trocknungsverfahren und Versuche zum kontrollierten Fermentieren der Bohnen und kundschafteten neue Transportwege aus. Aus der Geschäftsbeziehung mit Dorothy wurde schnell eine Freundschaft. Ich zeigte Dorothy auch, wie sie aus ihren Kakaobohnen in ihrer Küche leckere Rohkakao-Schokolade herstellen kann. Diese Schokolade wird nun im Bioladen in Panama-City als Gourmet-Schokolade mit dem Hinweis verkauft, dass die einzigartige Rezeptur dazu aus Germany stammt.